Von Visionen und Gräben: Multifamilientherapie in sozialräumlichen Kontexten

Vom 3. Bis 6. Juni 2015 richtete die Leinerstift Akademie die 7. Jahrestagung Multifamilientherapie mit 260 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Aurich aus.

Zunächst überbrachten MdB Johann Saathoff als Schirmherr der Tagung und Dr. Frank Puchert, dem 1. Kreisrat des Landkreises Aurich sowie Dietmar Kluin, Vorstand der Leinerstift e.V. Kinder, Jugend und Familie als Kooperationspartner Grußworte. Anschließend führte Heidjer Schwegmann, Regionalleiter im Leinerstift und 2. Vorsitzender der BAG Multifamilientherapie in das Thema ein.

Mit dem Thema „Von Visionen und Gräben – Multifamilientherapie in sozialräumlichen Kontexten“ verbanden die Organisatoren eine Reihe offener Fragen, die den Kontext Multifamilientherapeutischer Settings beleuchten sollten:

  • Wie können Zugangsschwellen für Hilfe wünschende Familien abgebaut werden?
  • Welche sozialräumlichen Strukturen ermöglichen es, Kompetenzen von Familien früher und damit präventiv zu nutzen?
  • Welchen Einfluss haben die großen familienpolitischen Themen Frühe Hilfen, Kindesschutz und psychische Gesundheit auf die Weiterentwicklung der MFA?
  • Welche Rolle kann MFA in der inklusiven Ganztagsschule spielen?

Heidjer Schwegmann wies darauf hin, dass sich sowohl in Jugendhilfe und Psychiatrie als auch in Schule und Kindergarten deutlich positive Effekte der Multifamilienarbeit (MFA) zeigen. Sie fördere und fordere aktive Kommunikation über Beobachtungen, sie rege zu Perspektivwechsel an, zuallererst respektiert sie aber die Kompetenz der Adressaten für eigene Deutungen und Lösungen.

Genau hier bewege sich die MFA in bester Gesellschaft zu den Ansätzen sozialraumbezogener Methoden und Konzepte. Diese böten sehr interessante Anknüpfungspunkte hinsichtlich aktivierender, präventiver, unterstützender und nachsorgender Strukturen für Familien.

Deutschland sei bekanntermaßen ein Land, in dem der Wunsch nach klaren Zuständigkeiten und verlässlichen Diagnosen für eine Zuordnung von Problem- und Lösungsverantwortungen vorherrsche.

Vielfach hätten Familien mit Hilfebedarf es daher heute auch mit entmündigenden Strukturen und Prozessen zu tun, wenn es um die Zuweisung der richtigen Hilfen geht. So ständen diese hinsichtlich des rechtlichen Anspruchs oft erst dann zur Verfügung, wenn Familien sich als „Problemfamilien“ outeten. Für den Hilfeanspruch müsse man also erst zum „Fall“ werden.

„Fallunspezifische“ Angebote gäbe es noch deutlich weniger oder unterfinanziert. Sie würden oft im Rahmen befristeter Projekte gestaltet, womit es ihnen an Beständigkeit und Attraktivität für erfahrenes Fachpersonal mangele. Jugendhilferechtlich bewege man sich hier auf der Grenze zwischen Pflicht und Kür öffentlicher Verantwortung.

Sozialraumkonzepte gingen hier einen anderen Weg. Sie schüfen Möglichkeitsräume, ohne zuvor Menschen dem Prozess der Stigmatisierung auszusetzen, ohne zuvor „zum Problemfall“ werden zu müssen.

Zugleich förderten Sozialraumkonzepte für Adressaten sogenannte „Heimspiele“, d.h. sie erkennen an, dass Menschen sich in ihren eigenen Alltagsbezügen, Lebensräumen und sozialen Netzwerken am sichersten fühlten.

Auch das Modell des „Familienrates“ setze hier an. Dabei gehe es darum, dass seitens der Jugendämter Hilfesuchende gezielt angeregt werden, ihr eigenes Netzwerk zu aktivieren und darin begleitet werden, gemeinsam Lösungen zu finden. Jugendhilfe so verstanden sei ein Unterstützungsrahmen, in dem die Prozessgestaltung weitestgehend in die Verantwortung der Adressaten gelegt sei.

Im Wesentlichen gehe es in sozialräumlichen wie in multifamilientherapeutischen Ansätzen um Empowerment/Stärkung und die Idee, Eltern und Kinder durch aktive Mitgestaltung und Mitverantwortung in unseren Unterstützungssystemen zu stärken. Gleichwohl mit zum Teil unterschiedlichen Perspektiven und Schwerpunkten.

Im besten Sinne niederschwelliger Zugänge könnte Multifamilienarbeit ein „sozialer Raum“ sein, in dem Selbstorganisation geschieht und der Zielgruppe selbst die höchste Kompetenz für mögliche Veränderungen zugestanden wird.

In den Vorträgen ging es daher um die Anschlussfähigkeit des MFT-Konzeptes zu Sozialraumansätzen aus sehr unterschiedlichen Kontexten.

Prof. Dr. Menno Baumann Professor der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf und Bereichsleiter im Leinerstift erläuterte in seinem Eingangsvortrag zur Multisystemischen Arbeit die Problematik der Delegationslogik unseres Hilfesystems aufgrund häufiger Beziehungsabbrüche im Hilfeverlauf. Sowohl innerhalb des Schulsystems als auch zwischen Jugendhilfe, Psychiatrie und Eingliederungshilfe gäbe es eine Logik des „Durchreichens“ von im Sinne der definierenden Institution als schwierig erlebten Kindern und Jugendlichen. Diese beträfen damit gerade die jungen Menschen, denen eigentlich ein Gegenmodell zu bereits biographisch erlebten Diskontinuität in Beziehungen und Strukturen in unserem Hilfesystem geboten werden sollte. Der multisystemische Ansatz könnte hier das Nacheinander oder unvermittelten Nebeneinander von unterschiedlichen Hilfestrukturen aufzulösen helfen. Zugleich wäre ein Ansatz mit einem Höchstmaß an Beziehungskontinuität wünschenswert. Multifamilientherapie oder Multifamilienarbeit könnte hier ein systemübergreifendes therapeutisches Konzept sein, in dem unterschiedliche Fachdisziplinen miteinander arbeiten und gemeinsame Settings gestalten.

Dr. Björn Enno Hermans referierte zum Thema „Zwischen ElternHaus und FamilienSchule – Herausforderungen für Multifamilienarbeit im Sozialraum“. Er warf zunächst einen Blick auf die sozialen Netzwerke von Familien früher und heute und stellte fest, dass die Mehrgenerationen-Großfamilie bei weitem nicht die übliche Familienstruktur des 19. Jahrhunderts darstellte. Tatsächlich seien heutige Familien im Durchschnitt besser vernetzt beispielsweise durch Aktivitäten in Vereinen, Nachbarschaften und Cliquen. Dies gelte dann allerdings weniger für sogenannte Problem- oder Multiproblemfamilien. Hier stellte Dr. Hermans Projekte im Bereich von Kindergärten und Schulen vor, die eine kompensatorische Wirkung entfalteten, ohne dass Familien bereits aktiv den Weg zu Hilfeinstitutionen suchen müssten.

Dr. Alan Cooklin und Deni Francis von der Kidstime-Foundation in London stellten das sogenannte Kidstime-Projekt vor. Ausgehend von der Feststellung, dass eine große Zahl von Kindern durch psychische Erkrankungen eines Elternteils im Alltag extrem belastet seien, organisiere er niederschwellige Multifamiliensettings, in denen er Kindern einerseits Ursachen und Wirkungen psychischer Erkrankungen visualisiert erläutert. Zum anderen werden Alltagssituationen mittels Rollenspiel und Videoaufnahmen reflektiert und Eltern die Erlebnisse ihrer Kinder verdeutlicht. Oft wird so erstmals die Erkrankung besprechbar und eine neue Qualität und Nähe in der Beziehung möglich.

Prof. Michael Scholz vom Multifamilieninstitut Dresden und zugleich Sprecher der MFT Fachgruppe in der DGSF stellte das von Fritz Mattejat und ihm entwickelte Diagnostiktool des „Subjektiven Familienbildes“ (SFB) vor. Er legte dar, wie das SFB nicht nur für die Evaluation von familientherapeutischen oder Hilfeprozessen hilfreich sein kann, sondern dass es auch aktiv in den therapeutischen Prozess mit den Familien nutzbar gemacht werden kann. Den einzelnen Familienmitgliedern wird dabei deutlich, dass es sehr unterschiedliche Wahrnehmungen zu den wechselseitigen Beziehungs- und Handlungsqualitäten gibt.

Birgit Stephan, Referatsleiterin für sozialräumliche Angebote in Hamburg, beleuchtete schließlich die Grundlagen der Sozialraumorientierung und stellte dar, dass Sozialraumkonzepte und MFA eine große Nähe in den jeweiligen Haltungen repräsentierten. So sei das „Expertentum“ der Zielgruppe anzuerkennen und im Wesentlichen Kommunikationsprozesse in der Weise zu begleiten, dass man Rahmenbedingungen für gelingende Austauschprozesse gestalte. Besonders das Modell des sogenannten „Familienrates“ sei hier hervorzuheben. Hier würden Familien, die Probleme zu bewältigen hätten vermittels eines Moderators gezielt angeregt, sich ein Helfernetzwerk aus ihrem näheren Umfeld zu suchen und bestmögliche Lösungsschritte zu überlegen. Die gefundenen Lösungen seien sowohl von der betroffenen Familie als auch von den Professionellen zu über 95% als erfolgversprechend und passgenau beschrieben worden. Und es seien bei etwa zweidrittel der Betroffenen, keine zusätzlichen Hilfen der klassischen Jugendhilfe notwendig geworden.

Es fehle allerdings noch an Bereitschaft, die Finanzierung der klassischen Hilfestrukturen zugunsten sozialräumlicher Angebote umzusteuern und auch die Bereitschaft übergreifend zu kooperieren sei noch nicht durchgängig vorhanden.

Im abschließenden Podium zum Thema „Offen, niederschwellig vernetzt: MFT im Sozialraum – (wie) geht das?“ wurde schnell deutlich, dass die Klammer keine Rolle spielte, da es große Einigkeit darüber gab, dass niederschwellige Multifamilienangebote möglich sind und auch Sinn machen. Eine Mutter beschrieb sehr anschaulich ihre Erfahrung mit einem MFA Projekt im Kindergarten. Diese sei Anlass gewesen, Zeit mit dem eigenen Kind aktiv zu gestalten. Sie habe für sich erkannt, wie wichtig es sei, mehr gemeinsame Zeit mit ihrem Kind zu verbringen, als dass der Haushalt immer perfekt sei.

Bislang seien es aber eher noch einzelne Projekte, in denen MFA niederschwellig beispielsweise in Kindergarten oder Schule angeboten würden. Eine breitere Finanzierung sei wünschenswert, scheitere aber oft an den gesetzlichen und hilfestrukturellen Rahmenbedingungen. In letzteren zeige sich ein weiteres Dilemma, das vorwiegend intensivpädagogische oder therapeutische Hilfen betreffe. So gebe es derzeit Versuche, übergreifende Angebote von Jugendhilfe und Psychiatrie zu gestalten, um ungünstige „Delegationslogiken“ (siehe Vortrag Baumann) zu vermeiden. Dr. Filip Caby von der KJPP Aschendorf-Papenburg stellte hierzu das Kooperationsmodellprojekt einer intensivtherapeutischen Wohngruppe vor, welches mit dem Leinerstift umgesetzt werden soll. Es gehe darum, ein Betreuungssetting zu gestalten, in dem Psychiater und Sozialpädagogische Fachkräfte der Jugendhilfe unter einem Dach und in einem Team zusammenarbeiten.

Dennoch wurde konstatiert, dass die Visionen kooperativer sozialräumlich orientierter Projekte noch immer auf Gräben unterschiedlicher Haltungen und Finanzierungssysteme stoßen. So fragte Heidjer Schwegmann, wie denn die Multifamilienarbeit mit dem Krankheitsmodell des ICD oder des DSM zu vereinbaren sei, wenn – so beispielsweise die Feststellung von Alan Cooklin – diese Kategorisierungen von den Betroffenen als stigmatisierend und abwertend wahrgenommen werden? Niederschwelligen Zugang zu passgenauen Hilfen zu bekommen, ohne zum Fall oder Patienten zu werden, sei natürlich der beste Weg, stellte auch Filip Caby abschließend fest. Dies sei mit den Krankenkassen aber schlecht möglich.

Um die damit zusammenhängenden Finanzierungsfragen offen zu diskutieren, wurde unter großem Beifall von einer Teilnehmerin der Vorschlag formuliert, zur nächsten Jahrestagung in Mühlhausen Vertreter der Krankenkassen einzuladen.

Neben den Vorträgen und dem Podium konnten sich die Teilnehmenden in 24 Workshops einen Überblick über die sehr vielfältige Projekte und Methoden im Bereich der MFA machen. Zugleich nutzten die MFA-Praktiker die Tagung und insbesondere das Tagungsfest für die Vernetzung und das gegenseitige Kennenlernen.

Dr. Fritz Handerer vom Ökumenischen Hainichen Klinikum übernahm mit einer Kurzvorstellung seines Hauses zum Ende der Tagung den Staffelstab von Heidjer Schwegmann, der ihm alles Gute für die Vorbereitung wünschte.

Heidjer Schwegmann